Die Bewegungsbaustelle - Das Original

Mindmap zum Konzept und zur Idee der Bewegungsbaustelle

Gerhard Landau über die Bewegungsbaustelle:

Mit der Grundidee der "Bewegungsbaustelle" stellt Klaus Miedzinski ein erzieherisches Programm vor, dem ähnliche Bedeutsamkeit zugemessen ist, wie dem "Baukasten" von Friederich Fröbel. Was Fröbels Baukastenidee für die feinmotorische Entwicklung und den konstruktiven Umgang der Kinder mit Materialien leistet, kann man nahezu analog für die großmotorische Entwicklung der Bewegungsbaustelle unterstellen. 

Die in dem Buch gewährten Einblicke in die Bau-, Bewegungs- und Spielszenen belegen in überzeugender Weise, wie die Kinder in lebendiger Vielfalt mit der Idee umzugehen wissen und sie konstruktiv auszugestalten verstehen. Im Sinne einer freudvollen und erfahrungsoffenen Bewegungsentwicklung ist der Bewegungsbaustelle zu wünschen, daß sie überall da wo Kinder aufwachsen, diese als Bau- und Bewegungsmeister gewinnt und anstachelt. 

Klaus Miedzinski, Initiator der Bewegungsbaustelle:

In mehr als 15 Jahren hat sich nunmehr die Idee der Bewegungsbaustelle in zahlreichen Kindergärten. Schulen, Vereinen, therapeutischen Einrichtungen bewährt. Sie ist Bestandteil in manchen Ausbildungskonzepten für ErzieherInnen geworden. Vielfältige Erfahrungsberichte und Examensarbeiten über den Einsatz von Bewegungsbaustellen liegen inzwischen vor. Der Verfasser hatte selbst Gelegenheit, mit Kindern an unterschiedlichen Orten (auch in Österreich, Chile, Peru und Brasilien) die Idee stets aufs neue zu erproben, zu variieren und weiter zu entwickeln. U.a. entstanden durch die ganz praktischen Erfahrungen und Herausfinden der Kinderwünsche eine Reihe neuer "Bauteile". Im letzten Teil dieser Neuauflage werden sie näher beschrieben. Für viele Leser war das Buch eine erste Hilfe, um im eigenen Wirkungsfeld die Bewegungsbaustelle umzusetzen. Dabei haben sich die seit der 1. Auflage unverändert übernommenen Fotos der Spielszenen und die Materialhinweise bewährt und sind auch in dieser Neuauflage übernommen. Neuere Entwicklungen, theoretische Betrachtungen, Materialbeschreibungen und umfangreiche Literaturhinweise wurden in einem zweiten Teil angefügt. Zuletzt gilt mein Dank der Kindertagesstätte Schuntersiedlung in Braunschweig und Ihrer Leiterin Reingard Braun für modellhafte Umsetzung des Konzeptes der Bewegungsbaustelle.  

Nachwort zur 9. Auflage

Auch nach 20 Jahren seit den ersten Anfängen ist die Idee der Bewegungsbaustelle nach wie vor lebendig und wird vielerorts in Praxis umgesetzt. Das selbsttätige Bauen und Bewegen der Kinder hat erst recht im Zeitalter der Computer und Gameboys seinen Stellenwert.

Die Grundidee der Bewegungsbaustelle, d.h. Angebote offener Handlungssituationen mit Raum für freie, individuelle Deutungen Auseinandersetzung mit komplexen Strukturen - entspricht heutigen Erziehungsvorstellungen nach kreativem, selbständigem Handeln, nach Entscheidungsfreudigkeit und Kooperationsfähigkeit. Die Bewältigung von Risiko und Abenteuern, das Auseinandersetzen mit ungeordneten Zuständen und das Handeln in komplexen, größeren Zusammenhängen werden außerdem als bedeutsam für die Entwicklung der Kinder angesehen. 

Die Bewegungsbaustelle ist inzwischen zu einem wirksamen Bestandteil praktischer Psychomotorischer Entwicklungsförderung geworden. Betont wird dabei die Identitätsfindung und Entwicklung des Selbstkonzeptes des Kindes, dabei ist von besonderer Bedeutung das Vertrauen in eigene Fähigkeiten, das aktive Zugehen auf andere und Bewältigen vielfältiger Anforderungen. Diese Aussagen treffen etliche Bewegungsfachleute (Sportpädagogen) in ihren neueren Schriften und nennen dabei als Beispiel die Bewegungsbaustelle.

Die Bewegungsbaustelle bietet gegenüber vorgefertigten Arrangements offene Bewegungssituationen an, sie geht auf Tuchfühlung mit den Dingen, sie fordert auf, sich wachen Sinnes, denkend und machend in lustvolles Auseinandersetzen mit der Umwelt zu begeben und den Situationen konstruktive Bewegungsmöglichkeiten abzugewinnen (vergl. LEIST 1993,92). 

"Die Bewegungsbaustelle bietet durch ihre vielfältigen Handlungsgegebenheiten ein nahezu unerschöpfliches Reservoire an Handlungsgelegenheiten und ist somit ein ideales Lern- und Erfahrungsfeld für Kinder, das dem komplexen Erziehungsziel der integrativen Förderung motorischer, kognitiver und sozial/emotionaler Prozesse - und damit der Entfaltung der gesamten Persönlichkeit des Kindes - gerecht werden kann" (PROHL 1999, 243). 

In ihrer Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung, der Herausbildung eines realistischen Selbstkonzeptes schreibt FISCHER: "Das Erleben von selbst bewirkten Effekten ist der wichtigste Aspekt für den Aufbau des Selbstkonzeptes. Über das Erleben der eigenen Wirksamkeit bei der Bewältigung von Bewegungsaufgaben in gemeinsamen Bewegungsspiel entsteht ein Konzept eigener Fähigkeiten und Begabungen" (FISCHER, unveröffentlichtes Manuskript 1999).

Außerdem ist die Bewegungsbaustelle ein wichtiger Mosaikstein in größeren Netzwerken, bei denen es um die Schaffung von kindgerechten Bewegungsräumen in der Stadt geht: Das Hamburger Forum Spielräume (eine Initiative für Kinder in der Stadt) und in Braunschweig der Verein "Kinderhorizonte" (eine Stadt im Zeichen der Kinder) sind Zeugen dafür. In Hamburg hat eine studentische Projektgruppe gemeinsam mit der Jugendhilfe Ottensen mehrere Bewegungsbaustellen gebaut und ihren Einsatz in Schulen und Kindergärten erprobt. Der Verein Kinderhorizonte in Braunschweig setzt die Bewegungsbaustelle bei öffentlichen Aktionen für Kinder (Weltkindertag u.a.) ein, bzw. nimmt Elemente in den Bau der sogenannten "Sinnestankstellen" auf. In Oldenburg hat der Student Johannes Behne eine selbstgebaute Bewegungsbaustelle im Rahmen der Ferienpassinitiative der Stadt mit großer Resonanz angeboten.         

Die Idee der Bewegungsbaustelle steht außerdem im Zusammenhang mit der "Werkstatt Sportdidaktik" von Gerd LANDAU. Die Arbeiten dazu entwickelten sich in den 80er Jahren in Verbindung mit den Ideen der "Frankfurter Arbeitsgruppe" am Institut für Sportwissenschaft der Technischen Universität Braunschweig (seit einigen Jahren geschlossen). Im Rahmen dieser Werkstatt sind erste Elemente der Bewegungsbaustelle entstanden und es sind Bewegungsbaustellen zur Belebung der einförmigen Braunschweiger Hallenbäder mit Studenten unter der Leitung von Reiner HILDEBRANDT-STRAMANN hergestellt worden. Eine ausführliche Beschreibung von mir ist in dem Aufsatz: "Facetten der Werkstatt Sportdidaktik" nachzulesen (MIEDZINSKI 1998). Auch HILDEBRANDT-STRAMANN berichtet über die Bewegungswerkstatt an der Universität Vechta (HILDEBRANDT-STRAMANN 1999). An der Universität Magdeburg hat Ralf LAGING seine "Bewegungswerkstatt" mit umfangreichen Elementen der Bewegungsbaustelle eingerichtet (s. LAGING 1997).

Diese Aufzählung von Initiativen, Projekten und Maßnahmen im Zusammenhang mit der Bewegungsbaustelle kann nur eine Auswahl sein von vielen weiteren Aktivitäten. In unserer modernen Zeit lässt sich darüber mehr im Internet nachlesen oder einfach nur anschauen (Bilder und Skizzen), in den Suchmaschinen unter dem Stichwort: Bewegungsbaustelle.

Das "Original" ist zu finden unter: www.bewegungsbaustelle.com

Zu erwähnen bleibt noch, dass professionelle Bewegungsbauteile in der Zukunft weiter entwickelt werden unter dem Konzept "Loquito" - verrückte Spielideen. Die von Zeit zu Zeit entstehenden Neuerungen können bei der Fa. Hagedorn (s. Seite 120) nachgefragt werden. Wie die Bewegungsbaustelle tatsächlich umgesetzt wird und welche erzieherischen Wirkungen dabei erreicht werden, hängt wesentlich von der Erziehungsperson selbst ab.PROHL nennt als entscheidende Voraussetzung für das Gelingen offener Formen der Bewegungserziehung das pädagogische Grundverständnis der Erziehungsperson:

"Die Umstellung von einem erzieher- zu einem kindzentrierten Ansatz erfordert Zeit und Eigenerfahrung." Dies ist ein hoher Anspruch, und schon ROUSSEAU (1762) wusste, dass die indirekte Form der Erziehung das Geschäft der Pädagogik nicht eben einfach macht:

"Ich predige dir, junger Erzieher, eine schwere Kunst: Kinder ohne Vorschriften zu leiten und durch Nichtstun alles zu tun" (bei PROHL 1998,242).

Der Autor wünscht allen Lesern dieser Auflage, dass sie ihnen hilft, neue Bewegungsangebote für Kinder zu entwickeln und würde sich über den einen oder anderen kurzen Bericht freuen.

Ein herzlicher Dank zum Schluss an Dr. Xaver Kerschbaumer, Leiter des Zentrums für Kindergartenpädagogik in der Niederösterreichischen Landesregierung, für seinen Einsatz, dass in Niederösterreich vielerorts die Bewegungsbaustelle eingeführt worden ist.

Dezember 1999, Klaus Miedzinski